R.I.P. Arial – Nachruf auf eine Ungeliebte

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„Kunst kommt von Können“, weiß der Volksmund. Damit etwas zu einer Stilikone wird, bedarf es in der Regel weiterer Zutaten. Im Falle der Helvetica war dies gegeben: Ideenreichtum, eine allgemeine Aufbruchsstimmung in den Jahren des „Wirtschaftswunders“ und der damit verbundene Wunsch nach einer neuen Sachlichkeit. Drängt sich jedoch der schnöde Mammon allzu sehr in den Vordergrund, kann das Ergebnis oftmals nicht überzeugen und die Kritik nimmt überhand. Aber immer schön der Reihe nach … Was war geschehen?

Helvetica


Max MiedingerDie 1957 durch Max Miedinger in Zusammenarbeit mit Eduard Hoffmann gestaltete Helvetica ist eine Ikone der Schweizer Grafik. Sie  basiert auf der Akzidenz Grotesk von Berthold (1896) und der Normal Grotesk aus dem Hause Haas und gehört zu den Groteskschriften mit klassischem Charakter. Zunächst unter dem wenig werbewirksamen Namen „Neue Haas-Grotesk“ von der D. Stempel AG vertrieben, änderte man aus Marketinggründen zu Beginn der 60er Jahre den Namen erst in Helvetia, was nun eine Verwechselung mit der gleichnamigen Versicherungsgesellschaft nahelegte, bevor sie ihre heutige Bezeichnung Helvetica („Die Schweizerische“ oder „Die Schweizerin“ in Anlehnung an die lateinische Staatsbezeichnung „Confoederatio Helvetica“) erhielt.
1983 überarbeitete die D. Stempel AG die Helvetica für die Linotype AG, im Ergebnis entstand die Schriftfamilie Neue Helvetica mit acht Grundschnitten, welche jeweils bezüglich Breite (Condensed, Normal, Extended) und Kursiv variiert sind. In ihrer Postscript-Version umfaßt die Helvetica WORLD heute 1866 Glyphen in 51 verschiedenen Schnitten, ein Reichtum, der sie für Firmen-Corporate-Identity-Lösungen nach wie vor attraktiv macht.

„When using Helvetica you’re never wrong, but also never right.”

By GearedBull Jim Hood (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Es gab eine Zeit, da war die Helvetica einfach Kult – wenn man so will, der angebissene Apfel unter den Schriftarten. In den 50er und 60er Jahren galt sie weltweit als Vorbild für eine sachliche und funktionale Kommunikation, die die zu transportierende Botschaft nicht überdeckt. Ihr ausgewogenes und neutrales Schriftbild verzichtet auf expressiven Ausdruck, eine Eigenschaft, die der Schrift ebenso angerechnet wie vorgeworfen wird. Im Unterschied zu den konstruierten Grotesk-Schriften wie Futura oder Avant Garde ist die Helvetica trotz ihrer äußeren Uniformität nicht konstruiert, sondern gezeichnet. So sind die Strichstärken nicht völlig einheitlich, sondern auf gute Lesbarkeit hin optimiert. Infolge der betonten Vertikalen ist sie im Mengensatz fast unverwechselbar. Sie ist in ihrem Auftreten so souverän, daß mit ihr selbst in visueller Gestaltung wenig talentierte Zeitgenossen gutes Design auf die Beine stellen können. Auf der anderen Seite macht gerade ihre Omnipräsenz sie angreifbar für den Zeitgeist: konservativ, bieder, phantasielos, eben typisch deutsch (Äh, wer hat’s erfunden?). Man kann sie lieben oder hassen. Sie zu ignorieren, ist (fast) unmöglich.

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Indes dürfte gerade diese Polarisierung der Schrift zu einer einmaligen Bekanntheit verholfen haben. Die Helvetica ist die mit Abstand meistverwendete Schrift – gemäß einer Erhebung des Berliner Fontshop-Archivs führt sie die Rangliste der 100 besten Schriften aller Zeiten an und fragt man Profis nach deren bevorzugten „Arbeitspferden“, wird in kaum einer Auflistung die Helvetica fehlen. Sie scheint durch ihren Einsatz als Hausschrift vieler Firmen und Institutionen sowie die Straßenbeschilderung geradezu ins kollektive Gedächtnis gemeißelt zu sein. Auf DTP-Systemen ist sie spätestens seit der Markteinführung von Mac OS X durch Apple im Portfolio grafischer Arbeitsplatzrechner. Wie bei jedem guten Produkt gibt es auch im Falle der Helvetica zahlreiche Nachahmer, deren prominentester Vertreter die Arial ist. Womit wir zum eigentlichen Punkt kommen …

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Chapeau! Einer unlösbaren Aufgabe sich dennoch zu stellen, sollte dem neutralen Betrachter schon eine gewisse Portion Respekt abnötigen. Denn in nicht weniger als eine aussichtslose „lose-lose-Situation“ begaben sich 1982 Robin Nicholas und Patricia Saunders, als sie von Monotype beauftragt wurden, eine für niederauflösende Bildschirme und IBM Laserdrucker optimierte Schrift ähnlich der Helvetica zu gestalten. Nur wie soll man etwas anscheinend Perfektes noch verbessern? Das Ergebnis hörte zunächst auf den etwas sperrigen Namen Sonoran San Serif, wird seit 1992 durch Microsoft mit allen Windows-Versionen ausgeliefert und erlangte als Arial traurige Berühmtheit. Für Erik Spiekermann und viele seiner Kollegen ist die Arial ein rotes Tuch, nicht weit entfernt vom Untergang des Abendlandes. Nun mögen viele Windows-Benutzer fragen, worin denn das Problem liege.

Schließlich resultiert Zufriedenheit immer aus Unkenntnis.

Stellen wir dazu die beiden Schriften (Helvetica in Karminrot, Arial als Konturschrift) einmal vergleichend gegenüber:

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Schnell erkennt man bei der überwiegenden Zahl der Glyphen eine verblüffende Ähnlichkeit sowie identische Dimensionen bezüglich Versalhöhe, Spationierung usw., von Deckungsgleichheit kann aber keine Rede sein. Die Arial wirkt im Druckbild gegenüber der Helvetica kräftiger, ihr Grauwert ist zu dunkel. Eine unausgeglichene Laufweite, also die Proportionen und der Abstand zwischen den Zeichen, gibt der Arial ein unruhiges Bild. Zudem ist sie in ihrer Grundeinstellung etwas zu eng gesetzt, weshalb Profis zu einer Vergrößerung der Zeilenhöhe sowie geringfügigem Spationieren raten.

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Besonders häßlich sind die angeschrägten Endstriche etwa bei a, c, r und s. Proportionen und Form des t spotten jeder Beschreibung. Die Versalhöhen von Ziffern und Buchstaben sind identisch (bei der Helvetica sind die Ziffern geringfügig kleiner geschnitten, weshalb sie im Mengentext weniger dominant gegenüber den Gemeinen auftreten). Deutlich unterscheidbar – auch für das nicht trainierte Auge – sind die Versalien von R und G. Daß der ß-Gestaltung offensichtlich keine Beachtung beigemessen wurde, ist schwer zu verkraften, aber einem Nichtdeutschen vielleicht noch nachzusehen. Möglicherweise waren die beiden Entwickler in ihrer Freizeit zu oft mit dem Aufbau von „Carrera-Rennbahn“ beschäftigt. Insgesamt ist die Arial weder als Textschrift noch als Headlineschrift im Druck zu empfehlen, ihr fehlt schlicht und ergreifend einiges an Klasse.

Doch wie steht es um die andere Seite der Medaille? Stand auf der To-do-Liste der Entwickler nicht auch die Forderung nach einer verbesserten Lesbarkeit auf Monitoren? Tatsächlich verwendete Monotype einen Großteil der Zeit auf das Problem der Weichzeichnung von Pixeln speziell bei kleinen Schriftgrößen. Daß hierfür Kompromisse zwischen guter Lesbarkeit einerseits und gestalterischer Ästhetik andererseits gemacht werden mußten, war den Verantwortlichen vermutlich bewußt. Die Kritik aus dem Lager der Experten an der Arial richtet sich folglich auch nicht auf deren Wirkung am Bildschirm, sondern auf ihr Druckbild.

Was bleibt und in den Augen des Verfassers schwerer wiegt, ist wiedermal die Vertriebspolitik von Microsoft. Offensichtlich hatten die Redmonder kein Interesse, Lizenzgebühren an die Rechteinhaber der Helvetica zu zahlen. Im Plagiieren nicht ganz unerfahren und rechtlich kaum angreifbar, da das Urheberrecht in Amerika zwar den Namen der Schrift, nicht aber deren Erscheinungsbild, schützte, schlug das „Reich des Bösen“ ein weiteres mal gnadenlos zu. Auch wenn mancher dies mit einem Verweis auf die damals noch nicht endlos sprudelnden Einnahmen des späteren Softwareriesen zu begründen versucht, darf es als Argument oder gar Entschuldigung nicht durchgehen. Umso mehr, da in der Folgezeit das Schauspiel von M$ einfach wiederholt wurde. So ist die von Steve Matteson für Windows Vista entworfene Segoe nichts anderes als eine billige Kopie der Frutiger. Aber damit nicht genug: Microsoft beantragte nun sogar einen Geschmacksmusterschutz für die Segoe, da selbiger für die Frutiger abgelaufen ist. Das EU-Harmonisierungsamt  lehnte dieses Vorhaben gerechterweise aber 2006 ab. Die Schrift sei der Frutiger von Linotype zum Verwechseln ähnlich – Adrain Frutiger bleibt somit der geistige Vater der nach ihm benannten Schrift.

Somit könnte es gut sein, daß die Tage der Arial (endlich) gezählt sind, kommt die Frutiger doch viel moderner daher. Nur steht auch diesmal zu befürchten, daß infolge der Übermacht an „Win-Dosen“ die Segoe ihren wahren Erfinder nicht angemessen würdigen wird.


Quellen

[1] Ralf Turtschi: Arial-Nachfolger: Segoe
[2] Johannes Isphording: Helvetica? Hellvetica!
[3] FontShop präsentiert: Die 100 besten Schriften aller Zeiten

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